Marguerite Yourcenar

7.6.1903 - 17.12.1987


"Dichter-Historikerin" und "Romancier" - so bezeichnete sich Marguerite Yourcenar, die daneben auch Übersetzerin, Essayistin und Kritikerin war und als erste Frau in die Académie française gewählt wurde.

Die erste Frau, die 1980 in die Académie française gewählt wurde, ist am 8. Juni 1903 als Marguerite de Crayencour in Brüssel als Kind einer belgischen Mutter und eines französischen Vaters geboren. Ehe die Mutter kurz nach ihrer Geburt stirbt, bittet sie, man möge die Kleine nicht daran hindern, Nonne zu werden, wenn sie es wolle. Marguerite meinte später dazu, indem sie statt in ein Kloster in die Welt der Literatur eintrat, den frommen Wunsch ihrer Mutter erfüllt zu haben.

Ihr Vater Michel Cleenewerk de Crayencour, ein reicher Landbesitzer ist mehr als ein Vater: er ist Pädagoge, Vertrauter, Freund. Marguerite verbringt die frühe Kindheit in der Sommerresidenz der Familie in Mont-Noir. Mehrere Reisen nach Südfrankreich, Brüssel, Paris, Holland, die sie mit ihrem Vater unternimmt, prägen in entscheidender Weise die Natur der unermüdlichen Reisenden. 1912 wird das Haus im Mont-Noir verkauft und Marguerite zieht nach Paris. Sie wird vom Vater und verschiedenen Privatlehrern unterrichtet und beginnt ihre literarischen Studien.

1919 veröffentlicht Marguerite de Crayencour unter dem Pseudonym "Yourcenar" in Nizza ihr erstes dichterisches Werk: Garten der Chimären (Le jardin des Chimères), ein Dialoggedicht über die Ikaruslegende.

1924 besucht sie zum ersten Mal auf einer der unzähligen Reisen nach Italien die Villa Adriana und beginnt mit dem Schreiben des Carnet des Notes für die Mémoires. Drei Jahre später schreibt sie ihr erstes bedeutendes Werk, Alexis oder der vergebliche Kampf, ein Abschiedsbrief eines Mannes an seine Frau, der ihr Männer vorzieht und die Freiheit sexueller Vorlieben proklamiert. Unterdessen ist 1929 ihr Vater gestorben und die junge Marguerite erlebt die intensivsten Jahre ihres Frauenlebens. Sie liebt und sie schreibt, sie reist kreuz und quer durch Europa.

Vor allem sind diese Jahre geprägt von der unmöglichen Liebe zu einem Mann, der sie nicht liebt, und der wie Alexis Männer den Frauen vorzieht. Feuer (1936) ist das Produkt dieser Krise der Gefühle. 1939 ändert sich ihr Leben, ähnlich wie Europa, das in Brand gesteckt wird. Sie hat kein Geld mehr, der Krieg ist erklärt worden. Was nun? "Der Zusammenstoß von Zufällen und Wollen" wird ihr die Entscheidung abnehmen. 1937 begegnet sie zum ersten Mal Grace Frick in Paris, einer amerikanischen Intellektuellen, mit der sie eine Liebesbeziehung beginnt, die gute vierzig Jahre, bis zu Graces Lebensende, dauern wird. Mit Ausrufung des Zweiten Weltkrieges, reist Marguerite in die USA ab. Dieser Aufenthalt, hätte nur ein halbes Jahr dauern sollen, aber sie wird für den Rest ihres Lebens in Amerika bleiben. Nach einer Zeit der fast vollständigen literarischen Abstinenz aufgrund der Anpassungsprobleme und auch des Kummers über diese im Exil verbrachten "schwarzen Jahre" entscheidet sich Marguerite dafür, in amerikanisch zu leben und in ihrem neuen Vaterland in Französisch zu schreiben. Nachdem sie 1947 unter ihrem Pseudonym amerikanische Staatsbürgerin geworden ist - tatsächlich wird sie die französische Nationalität erst wieder annehmen, um in die Académie française eintreten zu können -, lebt sie nun in dauernder Partnerschaft mit Grace Frick ein Leben, das gekennzeichnet ist von der ständigen Abwechslung zwischen "Unbeweglichkeit" in der Einsamkeit der Insel Mount Desert im Bundesstaat Maine und den von ihr ungeduldig erwarteten Reisen. Sie hört auf, eine schriftstellernde Frau zu sein, und wird nun vor allem Schriftstellerin, eine Schriftstellerin, die manchmal zufällig auch Frau ist.

Diesen neuen Status verdankt sie in erster Linie Ich zähmte die Wölfin, einem im Dezember 1951 erschienenen Buch, das weltweit einen unvorhersehbaren Erfolg erzielt. Seit zwanzig Jahren hatte Marguerite Yourcenar immer wieder Entwürfe zu diesem kühnen Roman geschrieben und verworfen, in dem ein römischer Kaiser aus dem 2. Jahrhundert in der Ich-Form zum Leben erweckt wird und von dem bis 1949 lediglich ein Fragment vorlag. In wenigen Monaten schrieb sie die Memoiren dieses aufgeklärten Herrschers, der die Künste förderte und die Sklaven unter seinen Schutz nahm, noch einmal ganz neu.

Die folgenden Jahre sind von einem unermüdlichen Streben nach Wissen charakterisiert, was sich in einer ununterbrochenen Folge von Reisen zu den entferntesten Zielen umsetzt: Griechenland, England, Schweden, Dänemark, Portugal, Spanien, Russland, Island, Ägypten, Indien, Japan. Erst die Krebserkrankung ihrer Freundin Grace zwingt sie zur Ruhe. 1968 gibt sie L'OE vre au Noir heraus. Es handelt sich um einen Roman, der im Europa der Renaissance spielt, die Biographie des Wissenschaftlers und Alchimisten Zeno, zwar eine erfundene Figur, aber  mit solcher historischen und philologischen Sorgfalt aufgebaut, dass sie glaubwürdiger und wahrhafter als eine wirklich existierende Person erscheint. Als Folge des durchschlagenden Erfolges dieses Romans wird Marguerite Yourcenar zum ausländischen Mitglied der Königlich Belgischen Akademie gewählt und bekommt in Paris die Légion d'honneur.

Ihre letzten Jahre sind geprägt von dem wachsenden Ruhm, einer unaufhörlichen Folge von Ehrungen und Literaturpreisen. 1980 wird Marguerite Yourcenar Mitglied der Académie Franšaise. Sie ist damit die erste Frau, die in der Académie Franšaise eine Rede halten darf.

Nach dem Tod von Grace beginnt die Schriftstellerin wieder zu reisen und erlebt in der Partnerschaft mit dem dreißigjährigen Amerikaner, Jerry Wilson, eine neue Leidenschaft. Als dieser jung an Aids stirbt, hat sie nicht mehr lange die Kraft, alleine weiterzuleben. Am 17. Dezember 1987 stirbt Marguerite Yourcenar auf ihrer Insel Mount Desert im Bundesstaat Maine.

Zum Weiterlesen:
Josyane Savigneau
Marguerite Yourcenar
Die Erfindung eines Lebens. Biographie
Januar 1993-ISBN 3-446-16285-2


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