Dr. Elisabeth Selbert

22.9.1896 - 9.6.1986


"Männer und Frauen sind gleichberechtigt"
Diese Aussage ist uns heute selbstverständlich. Dass dieser Satz in unserem Grundgesetz steht, bedurfte der Energie und des Einsatzes einer lange vergessenen Frau.


Elisabeth Selbert kommt am 22. September 1896 in Kassel als zweite Tochter der Familie Georg und Eva Elisabeth Rhode zur Welt. Der Vater arbeitet nach einem Militärunfall als Gefangenenaufseher in der Kasseler Jugendstrafanstalt. Für den Besuch der Mädchenrealschule legt Elisabeth eine Prüfung ab und wird damit vom Schulgeld befreit. Sie verläßt 1912 ohne Zeugnis und ohne Mittlere Reife die Schule. Sie empfindet dies als Diskriminierung der Mädchen gegenüber den Jungen, die zu dieser Zeit selbstverständlich ein Reifezeugnis erhielten. Für ein Jahr besucht sie die Gewerbe- und Handelsschule des Frauenbildungsvereins Kassel. Mit 17 Jahren ist Elisabeth gezwungen eine Berufswahl zu treffen. Ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, kann der Vater nicht erfüllen. Sie entscheidet sich für die Tätigkeit einer Auslandskorrespondentin. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verliert sie ihre Stellung. Erst 1916 findet sie im Telegraphendienst der Post eine Anstellung.

1918 lernt sie Adam Selbert, ihren späteren Ehemann, kennen. Er ist Buchdrucker, seit 1913 Mitglied der SPD und bereits mit zwanzig Jahren Abgeordneter im Kommunal- und Provinziallandtag für Hessen-Nassau. Elisabeth und Adam heiraten 1920. Im September 1921 wird ihr erster Sohn Gerhart geboren, im November 1922 folgt der zweite Sohn Herbert.

Als Delegierte bei den SPD-Parteitagen spricht Elisabeth zu den Frauenkonferenzen. Sie setzt sich für eine aktive politisch-parlamentarische Teilhabe von Frauen ein und engagiert sich bei Wahlveranstaltungen, häufig zusammen mit Philipp Scheidemann.

Ihr Mann ermutigt sie, das Abitur nachzuholen. Er war es auch, der ihr politisches Engagement weckte. Ihre Ehe entsprach damit keineswegs dem Leitbild des aus dem 19.Jahrhundert stammenden Familienrechts. 1926 entschließt sich Elisabeth zum Jurastudium. Sie ist dreißig Jahre alt, als sie in Marburg immatrikuliert. Da sie dort keinen Doktorvater findet, wechselt sie nach dem dritten Semester nach Göttingen und besteht nach sechs Semestern das erste Staatsexamen. Bereits ein Jahr später wird ihr die Würde eines Doktors der Rechtswissenschaften verliehen. Das Thema ihrer Dissertation lautet: "Ehezerrüttung als Scheidungsgrund". Sie absolviert das Referendariat und wird 1934 als "Kassels erste Staatsanwältin" in der Zeitung erwähnt.

Kurz bevor das NS-Regime Frauen vom Beruf in der Justiz ausschließen, erhält sie im Dezember 1934 die amtliche Zulassung als Rechtsanwältin. In den folgenden Jahren muß sie mit ihrer Tätigkeit als Anwältin die Familie unterhalten. Adam Selbert ist als Schutzhäftling ins Konzentrationslager gebracht worden. Nach seiner Entlassung darf er keine Arbeit mehr aufnehmen.

1948 wird Elisabeth Selbert als eine von vier Frauen in den Parlamentarischen Rat berufen. Mit Vehemenz und Hartnäckigkeit setzt sie durch, dass Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz lautet: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." In der ersten Lesung wird diese Formulierung abgelehnt und auch die drei Frauen im Rat können sich nicht entschließen, aus eigener Überzeugung den Antrag zu unterstützen.

Durch ihre Parteiarbeit hat Elisabeth Selbert vielfältige Verbindungen zu den unterschiedlichsten Frauenverbänden und Gewerkschaftlsfrauen. An sie appelliert sie, sich mit ihr für den Gleichberechtigungs-Artikel einzusetzen. Wachkörbeweise gehen Protestschreiben bei den Parlamentariern aller Parteien ein. Gegen die Bedenken der weiblichen und männlichen Kollegen, dass damit dem gesamten Familienrecht der Boden entzogen würde und ein Rechtschaos die Folge wäre, erarbeitet Elisabeth Selbert zusammen mit Waltraut von Brünneck den Übergangsparagraphen Artikel 117 Grundgesetz. Danach müssen alle dem Gleichheitsprinzip entgegenstehenden Gesetze bis März 1953 angepaßt sein. Am 18. Januar 1949 wird Artikel 3 Absatz 2 im "Selbertschen" Wortlaut ohne Gegenstimmen angenommen. Elisabeth hatte mit ihrer Aktion den Sinneswandel herbeigeführt. Später wird sie diesen Tag ihre "Sternstunde" nennen.

Als Abgeordnete im Hessischen Parlament setzt sie sich nicht für spezielle Frauenfragen ein. Mit anderen Juristinnen schlägt sie dem Bundestag, dem sie nicht angehört, den Entwurf eines neuen Familienrechts vor.

Ab 1954 schwindet ihr Rückhalt in der hessischen SPD. Sie scheidet als aktive Politikerin aus dem hessischen Parlament aus. Es wird still um die Politikerin. Noch 1981 als Passanten anlässlich einer Filmreportage gefragt werden: "Kennen Sie Elisabeth Selbert?" ist die Antwort "nein". Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert dies mit "Ignoranz patriarchalischer Geschichtsschreibung". Bis dahin war nur die Erinnerung an die "Väter der Verfassung" gepflegt worden.

1983 stiftet die Hessische Landesregierung den "Elisabeth-Selbert-Preis" für wissenschaftliche und journalistische Arbeiten, die "das Verständnis für die besondere Situation der Frau und die Notwendigkeit einer partnerschaftlichen Entwicklung in der Gesellschaft fördern".

Fast neunzigjährig stirbt Elisabeth Selbert am 9. Juni 1986 in Kassel.

Quellen:

  • Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz. Elisabeth Selbert und der Kampf der Frauen um Art.3II Grundgesetz, Münster 1990
  • "Ein Glücksfall für die Demokratie" Elisabeth Selbert (1896 - 1986) Die große Anwältin der Gleichberechtigung. Hsg.Hessische Landesregierung 1999

zum Seitenanfang


[Start] [Chronik] [Frauenwahlrecht] [Frauentag]
[Art. 3 Abs. 2 GG]
[Nobel-Frauen] [Patente-Frauen] [Biografien] [Zitate] [Nachgeschlagen] [Links]
[Gästebuch] [Kontakt]
 





Counter