Agnes Pockels

14.2.1862 - 1935


Sie war bekannt und anerkannt, als sie starb, und wurde in der einschlägigen Literatur selbstverständlich zitiert. Heute hingegen ist sie in keinem der biographischen Nachschlagewerke mehr zu finden. Lediglich in dem 1990 erschienenen 'ABC - Geschichte der Chemie' wird sie erwähnt:
'Pockels, Agnes Luise Wilhelmine, Hausfrau'.


Agnes Pockels wurde am 14. Februar 1862 in Vendig geboren. Ihr Vater diente hier als Offizier in der österreichischen Armee. Als er 1871 an Malaria erkrankte und vorzeitig aus dem Militärdienst ausschied, zog die Familie nach Braunschweig. Agnes besuchte hier die städtische höhere Mädchenschule. Schon früh galt ihr Interesse der Naturwissenschaft und gerne hätte sie Physik studiert. Doch hatte sie nie die Möglichkeit eine Universität zu besuchen. Zur damaligen Zeit war Frauen der Zugang zur Universität nicht ohne weiteres möglich. Als sich später Frauen an der Universität immatrikulieren konnten, war ihr dieser Weg versperrt, da sie über lange Jahre ihre kranken Eltern pflegen musste. Durch ihren drei Jahre jüngeren Bruder Friedrich, der an der Universität Göttingen studierte, besorgte sie sich wissenschaftliche Literatur und lernte autodidaktisch. In der eigenen Küche führte sie Experimente zur Oberflächenchemie durch. Vermutlich machte sie ihre ersten Beobachtungen beim täglichen Abwasch und fand auf diese Weise ihr Forschungsgebiet - die Auswirkungen der Verunreinigung von Wasseroberflächen auf die Oberflächenspannung. In den folgenden Jahren forschte sie in diesem Bereich. Sie entwickelte ein Vorläufermodell der Langmuir-Filmwaage, den sogenannten Pockelschen Trog, um reine Wasseroberflächen herstellen, die Änderungen der Oberflächenspannung schnell und genau messen zu können und veröffentlichte das erste Schubflächendiagramm von Stearinsäure.

Aufgrund ihrer Isolation hatte Agnes Pockels zunächst keine Möglichkeit, ihre Befunde zu veröffentlichen. 1890 stieß sie auf einen Bericht des englischen Physikers Lord Rayleigh über ähnliche Versuche und Berechnungen, die sich mit den ihren deckten. Sie schrieb ihm einen Brief, in dem sie ihre Versuchsanordnung und ihre Ergebnisse erläuterte. Es kann als Glücksfall angesehen werden, dass Lord Rayleigh Agnes Pockels Arbeiten anerkannte und sich persönlich dafür einsetzte, dass sie 1891 in der renommierten Wissenschaftszeitschrift 'Nature' veröffentlichen konnte. Mit ihren Arbeiten legte sie die Grundlage für die quantitative Erforschung von Oberflächenfilmen.

Nach diesem Durchbruch folgten weitere Veröffentlichungen in 'Nature', und sogar in Deutschland wurde man auf sie aufmerksam. Sie führte ihre Forschungen fort und veröffentlichte zwischen 1898 und 1902 in der 'Naturwissenschaftlichen Rundschau' und den 'Annalen der Physik'.

Trotz Krankheit und Tod der Eltern, Tod des Bruders 1915, Kriegs- und Nachkriegszeit, schrieb Agnes Pockels weiterhin. Zunehmend waren ihre Arbeiten theoretischer oder sogar philosophischer Art. Spät in ihrem Leben erhielt sie die ihr gebührende wissenschaftliche Anerkennung. 1931 sprach ihr die Kolloid-Gesellschaft, zusammen mit Henri Devaux, den Laura Leonard-Preis zu und die Technische Hochschule Braunschweig verlieh ihr 1932 die Würde eines 'Doktor-Ingenieurs Ehren halber'.
Agnes Pockels starb 1935.


Quelle:
Heymann, Dagmar; Moser, Angelika; Sandner, Agnes: Bedeutende Naturwissenschaftlerinnen. FIT Frauen in der Technik e.V., 64289 Darmstadt


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