Milena Jesenská

10.8.1896 - 17.5.1944


"Du gehörst zu mir, selbst, wenn ich Dich nie mehr sehen würde."
An Milena, 12. Juni 1920

Ihr wurden die schönsten Liebesbriefe gewidmet. Durch Franz Kafkas "Briefe an Milena" blieb sie der Nachwelt vor allem als Freundin des großen Dichters in Erinnerung, ihr Lebenswerk verschwand im Schatten Kafkas. Zu unrecht, denn Milena Jesenská war eine hervorragende Journalistin, die in den 20er und 30er Jahren für die wichtigsten Prager Zeitungen schrieb. Konsequent setzte sie sich für die Gleichstellung der Frauen und für soziale Gerechtigkeit ein und tat dies mit einer gehörigen Portion Lebenslust.

Sie ist noch ein Mädchen und doch spricht schon ganz Prag von ihr: Milena, geboren am 10. August 1896, schwimmt in Kleidern durch die Moldau, um rechtzeitig bei einem Rendezvous zu sein. Der Vater kommt mit seiner wilden, unkonventionellen Tochter nicht klar. Als Zahnarzt und Professor für Kieferchirurgie hat Jan Jesenský weder Zeit noch Interesse, sich um sein einziges Kind zu kümmern. Die Mutter stirbt, als Milena siebzehn ist. Das intelligente Mädchen besucht in Prag ein Gymnasium, nachmittags bummelt sie durch die Stadt. Gerne hält sie sich im "Cafe Arco" auf der deutsch-jüdischen Seite von Prag auf, die sonst von Tschechen gemieden wird. In diesem Kaffeehaus lernt Milena Schriftsteller wie Max Brod und Franz Werfel kennen.

Ihr national gesinnter Vater ist entsetzt, als sich die 19jährige in den Prager Literaten Ernst Polak verliebt. Er ist zehn Jahre älter als sie und ein deutscher Jude. Um die Affäre zu beenden, lässt Jan Jesenský seine Tochter kurzerhand in eine Nervenheilanstalt einweisen - Diagnose: "krankhaftes Fehlen moralischer Begriffe". Erst nach neun Monaten kann sich Milena ihre Freilassung erkämpfen. Gegen den Willen des Vaters heiratet sie Polak und übersiedelt mit ihm nach Wien. Die Ehe ist jedoch unglücklich und von ständiger Geldnot überschattet. Ende 1919 beginnt Milena Jesenská, Artikel und Feuilletons für tschechische Zeitungen zu schreiben, was ihr sehr bald den Ruf einer exzellenten Journalistin einbringt. Außerdem übersetzt sie Franz Kafkas Erzählung "Der Heizer" erstmals aus dem Deutschen ins Tschechische.

Darüber entsteht ein Briefwechsel mit dem in Prag lebenden jüdischen Schriftsteller, aus dem sich eine kurze aber innige Beziehung entwickelt. Ein Jahr lang schickt ihr Kafka regelmäßig "geschriebene Küsse", wie er seine Briefe nennt. Die beiden treffen sich in Wien, Kafka fordert die Trennung von Polak. Milena ist noch nicht bereit, sich von Polak zu trennen, Kafka wiederum schreckt vor Milenas leidenschaftlichem, fordernden Charakter zurück. Am 3. Juni 1924 stirbt Kafka in Kierling bei Klosterneuburg in der Nähe von Wien an einem langjährigen Lungenleiden. In "Národní listy" erscheint am 6. Juni 1924 ein von Milena verfasster Nachruf auf den Verstorbenen.

Milena lässt sich erst nach sieben Jahren Ehe scheiden und kehrt 1925 nach Prag zurück. Bald gehört sie dort zur Literaturszene und leitet die Frauenseite der "Národní listy". In Prag gewinnt Milena ihr altes Selbstbewußtsein zurück. 1926 heiratet sie den Architekten Jaromir Krejcar. Als sie zwei Jahre darauf ein Kind erwartet, erkrankt sie an einer Gelenkentzündung. Ihre Tochter Honza kommt gesund zur Welt, aber Milenas Knie bleibt gelähmt. Nur mit Morphium hält sie die Schmerzen aus. Die Ehe zerbricht an dieser schwierigen Situation.

Bis 1936 ist Milena eng mit der kommunistischen Partei verbunden, für die sie auch publizistisch tätig wird. Danach wird sie Redakteurin der Zeitschrift "Pøítomnost", in der sie zahlreiche politische Reportagen publiziert. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch das Nazi-Regime betätigt sich Milena als Fluchthelferin.

Im November 1939 wird sie von der Gestapo festgenommen und 1940 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Hier lernt sie die Schriftstellerin Margarete Buber-Neumann kennen. Unter unmenschlichen Bedingungen entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Später wird Margarete Buber-Neumann in ihrem Buch "Milena - Kafkas Freundin" ihr ein literarisches Denkmal setzen.

Milena Jesenská stirbt am 17. Mai 1944 in Ravensbrück an den Folgen einer Nierenoperation. Sie wurde 47 Jahre alt.


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