Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen sind zwei der Eigenschaften, die Frauen in der Geschichte ihres parlamentarischen Wirkens immer wieder beweisen mussten.
Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes,

Männer und Frauen sind gleichberechtigt,

gäbe es nicht ohne das besondere Engagement von Dr. Elisabeth Selbert. Ihr ist es im wesentlichen zu verdanken, dass dieser Satz so wie er ist in das Grundgesetz aufgenommen wurde.

(v.l.n.r.) Frieda Nadig, Dr. Elisabeth Selbert, Dr. Helene Weber und Helene Wessel

Als sich am 1. September 1948 der Parlamentarische Rat im Zoologischen Museum König in Bonn versammelte, um eine Verfassung zu konzipieren, war die Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter keine der Fragen, die Politiker oder Bevölkerung besonders bewegten. 65 Persönlichkeiten waren in den Parlamentarischen Rat nach Bonn berufen worden, darunter nur vier Frauen:
die beiden Sozialdemokratinnen Friederike Nadig (1897-1970) und Elisabeth Selbert (1896-1986), die Christdemokratin Helene Weber (1881-1962) und Helene Wessel (1898-1969) vom Zentrum. Jede der vier Frauen brachte viele Jahre beruflicher und politischer Erfahrung mit.

Elisabeth Selbert war das einzige Mitglied des Parlamentarischen Rates, für das die Gleichberechtigung der Geschlechter ganz selbstverständlich zu den Menschenrechten gehörte. Mit dem Formulierungsantrag "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" stieß sie im Parlamentarischen Rat zunächst auf heftigen Widerstand. Selbst ihre drei Mitstreiterinnen fürchteten zunächst, dass damit dem gesamten Familienrecht der Boden entzogen würde und ein Rechtschaos die Folge wäre. Nachdem ihr Antrag mehrmals abgelehnt worden war, mobilisierte Elisabeth Selbert die Öffentlichkeit. Für sie war klar: "Wir müssen weitergehen als Weimar!" Weitergehen also als die den Frauen in der Weimarer Republik lediglich zugestandenen "gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten". Unter den extrem schwierigen Bedingungen des kriegszerstörten und in Zonen aufgeteilten Deutschlands reiste sie "wie ein Wanderprediger von Versammlung zu Versammlung und erzählte den Frauen, was für eine Art Ausnahmegesetz sie zu erwarten hätten". Frauen aus Frauenverbänden, Gewerkschaften und Parteien, Arbeitnehmerinnen engagierten sich für die Festschreibung "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Waschkörbeweise kamen Protestschreiben gegen jegliche Formulierung, die vieldeutige Auslegungen zuließe.

Am 23. Mai 1949 fand die feierliche Schlußsitzung des Parlamentarischen Rates statt: Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trat in Kraft. In Artikel 3 Absatz 2 Satz 1 der neuen Verfassung steht seitdem kurz und klar: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Im entsprechenden Protokoll heißt es dazu: "Artikel 3 Absatz 2 hat seine jetzige Gestalt ... nach sehr ausführlichen und erregten Debatten gewonnen."

Der Grundstein für die rechtliche Gleichstellung der Frauen war gelegt doch keinesfalls die Frauenfrage gelöst.

Auf die Initiative von Elisabeth Selbert geht auch die Übergangsregelung in Artikel 117 Absatz 1 Grundgesetz zurück, nach der alle dem Gleichheitsprinzip entgegenstehenden Gesetze bis Ende März 1953 angepaßt sein mußten. Damit sollte das während der Ratssitzungen immer wieder herbeidiskutierte "Rechtschaos" vermieden werden.

Tatsächlich dauerte es bis 1957, bis sich der Gesetzgeber zu einer Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches durchringen konnte. Am 1. Juli 1958 trat das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kraft. Es hat das bürgerliche Recht an den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau angenähert. So durfte die Frau nunmehr ihren Mädchennamen als Namenszusatz führen, die Ehegatten wurden einander gegenseitig zum Unterhalt verpflichtet, den Haushalt konnte die Frau in eigener Verantwortung führen und hatte zugleich auch das Recht zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit. Dennoch, das Bemühen um die Gleichstellung der Frau blieb ein mühsamer Kampf; die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts vor allem im Berufsleben weiterhin ein heikler Punkt.
Die Emanzipation kam voran - so sagte es einmal Willy Brandt -

"Wie eine Schnecke auf Glatteis".

Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz wurde 1994 im Zuge der Verfassungsreform ergänzt um den Satz: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin."

Damit wird dem Gesetzgeber ein unmissverständlicher Auftrag erteilt, überall dort, wo Frauen benachteiligt und diskriminiert werden, tätig zu werden.

Die tatsächliche Gleichberechtigung kann nicht alleine durch Gesetze und Diskriminierungsverbote erreicht werden. In beruflichen Führungspositionen sind Frauen nach wie vor in der Minderheit. Auch von einer gleichrangigen Mitwirkung an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen kann noch keine Rede sein.





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