Alexandra
David-Néel

24.10.1868 - 8.9.1969

Orientalistin

Alexandra David-Néel und Aphur Yongden in Lhasa, 1924"...Wie uns gemeldet wird, soll es einer Französin gelungen sein, Lhasa zu betreten, eine für Ausländer verbotene Stadt. Es handelt sich um Madame Alexandra David-Néel, die 1911 Frankreich verlassen hat....".
Die Nachricht der Agentur Havas vom Januar 1925 ist eine Weltsensation.

Am 24. Oktober 1868 wird Louise Eugénie Alexandrine Marie David, genannt Alexandra, in Saint Mandé bei Paris geboren. Ihr Vater, Louis David ist Franzose und von Beruf Journalist, die Mutter Alexandrine, skandinavischer Abstammung. Mit drei Jahren reißt Alexandra zum ersten Mal von zu Hause aus. Sie sagt später von sich selbst, dass sie weglaufen konnte, noch bevor sie gehen konnte. "Die wahren Freunde sind die Bäume, die Gräser, die Sonnenstrahlen, die Wolken, die in der Dämmerung oder im Morgengrauen am Himmel schweben, das Meer, die Berge." Mit fünf Jahren zieht sie mit ihren Eltern nach Brüssel. Hier verbringt sie ihre Kindheits- und Jugendjahre. Alexandra ist ein sehr lebhaftes Kind und die Eltern lassen ihre einzige Tochter in einer Klosterschule erziehen. Nach ihrer Schulausbildung hält sie sich in London auf, um ihre Englischkenntnisse zu erweitern und geht anschließend nach Paris. An der Sorbonne studiert sie Völkerkunde. Vornehmlich orientalische Philospie, sowie indische und chinesische Religionsphilosopie, insbesondere Buddhismus und der Vedaglaube erregen ihr Interesse.

Mit einer Erbschaft finanziert sie ihre erste Reise nach Indien, wo sie buddhistische Rituale kennenlernt und reist weiter nach Ceylon, Indochina und Südchina. Fast zwei Jahre reicht ihr Geld. Danach verdient sie ihren Unterhalt als Sopranistin in den französischen Kolonien. Während eines Engagements in Tunesien begegnet sie Philippe Néel, einem Ingenieur und Lebemann. Die beiden heiraten 1904. "Wir haben eher aus Bosheit denn aus Zärtlichkeit geheiratet", äußert sie sich später zu ihrer Eheschließung. Alexandra kehrt nach Brüssel zurück und erhält einen Lehrstuhl für orientalische Philosophie an dem "Institut des Hautes Etudes", der damaligen "Neuen Universität".

Nach dem Erscheinen ihres ersten Buches über Sinn und Lehre des Buddhismus 1911 bricht sie mit 43 Jahren zu der Reise auf, die ihr Leben verändert: wieder nach Asien, im Gepäck eine Predigt Buddhas und ihre Zinkbadewanne.
Alexandra bereist zumeist noch unbekannte Gebiete Zentralasiens, Nepal, Sikkim, die Wüste Gobi, China und Indien. Philippe finanziert die Reise und findet sich damit ab, dass seine Ehefrau statt der geplanten 18 Monate lange 14 Jahre fortbleibt.

Alexandra David-Néel mit Aphur Yongden in TibetMit ihrem Begleiter, dem dreißig Jahre jüngeren Tibeter Aphur Yongden, den sie später mit nach Frankreich nimmt und adoptiert, verbringt Alexandra zwei Jahre auf 4000 Meter Höhe in einem Himalaya-Kloster. Dort bekommt sie den Namen "Leuchte der Weisheit". Buddhistische Gewaltfreiheit bleibt ihr aber fremd, zuweilen geht sie mit Yongden und anderen Helfern herrisch um, schlägt sie sogar. Alexandra wird von einer fixen Idee beherrscht: "Allen Hindernissen zum Trotz", so schreibt sie, will sie die verbotene Stadt Lhasa zu Fuß erreichen, "um zu zeigen, was der Wille einer Frau vermag." Eine mehrjährige Odysee beginnt. Alexandra, das Gesicht mit Ruß verdreckt, die Haare mit Tusche schwarz gefärbt, und Yongden geben sich als Bettelpilger aus. Die Reise ist gefährlich; Überfälle von Straßenräubern, Durst, Hunger und Schlafmangel zehren an den Kräften. Immer wieder stoppen Grenzposten die Wanderer. "Ich akzeptiere prinzipiell keine Niederlage, um was es sich auch handle", kommentiert sie knapp. Am 28. Februar 1924 erreicht Alexandra David-Néel, abgemagert bis zum Skelett, als erste weiße Frau Lhasa, die Hauptstadt Tibets.

Nach ihrer Rückkehr wird sie als "die Frau auf dem Dach der Welt" gefeiert. Die französische Regierung ernennt sie zum Ritter der Ehrenlegion. Die Geografische Gesellschaft in Paris verleiht ihr die Goldene Medaille, desgleichen die Königlich-Belgische Gesellschaft für Geografie. Ein Zusammenleben mit Philippe ist nicht mehr möglich. Alexandra kauft in Südfrankreich eine Villa, die sie "Samten Dzong" nennt, "Festung der Meditation". In der Abgeschiedenheit des Alpenortes in der Nähe von Digne widmet sie sich der Bearbeitung ihres gesammelten Materials und ihrer Reisebeschreibungen, bis sie ihre Lehrtätigkeit an der Sorbonne wieder aufnimmt. Aber 1936 bis 1946 zieht es sie wieder fort. Sie reist nach Asien, Indien, bereist den Himalaja, China, Japan, Korea und Tibet. In China erfährt sie 1941 vom Tod ihres Mannes. Auch Yongden überlebt sie. Er stirbt 1955 im Alter von 50 Jahren. Als ob das entbehrungsreiche Reisen ihr zusätzliche Kräfte gab, schreibt sie ein Buch nach dem anderen. In über dreißig Büchern dokumentiert sie ihre ausgedehnten Reisen nach Asien. Kaum jemand ist geeigneter, ein lebendiges Bild über Menschen und Leben in Tibet zu geben, als Alexandra David-Néel, die jahrelang in Asiens Hochländern gelebt hat und dem Denken und Fühlen der Bewohner so nahe gekommen ist, dass sie sich inzwischen auch zum Buddhismus bekennt. Die Forscherin, die bis zum letzten Augenblick ihres langen Lebens im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte bleibt, lässt noch mit 100 Jahren ihren Reisepaß verlängern und redigiert noch in den letzten Monaten ihres Lebens das Buch 'L'Individualisme Integral'.
Am 8. September 1969 stirbt Alexandra David-Néel in ihrer Villa "Santen Dhzong" bei Digne in Frankreich.

-gm-
Zum Weiterlesen:
  • Alexandra David-Neel, Mein Leben auf dem Dach der Welt.
    Reisetagebuch 1918-1940, Bericht, 414 Seiten, 1999, Nymphenburger, München, 3485008117

  • Alexandra David-Neel, Wanderer im Wind.
    Reisetagebücher in Briefen 1911-1917, Bericht, 320 Seiten, 2000, Weitbrecht, Stuttgart, 3522690028

  • Alexandra David-Neel, Leben in Tibet.
    Bericht, Taschenbuch, 126 Seiten, 1997, Hugendubel, München, 3896310070

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