Charlotte Brontė

21.4.1816 - 31.3.1855


Wer ist dieser Currer Bell? So rätselt die Londoner Literaturszene, als im Oktober 1847 der Roman "Jane Eyre" erscheint. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem männlichen Pseudonym eine Frau: die Pfarrerstochter Charlotte Brontė. Sie gibt sich als Schriftsteller aus, weil sie die Vorurteile der Leser kennt: Eine Frau soll nicht schreiben, sondern sich um Haushalt und Familie kümmern.

Als ihr Roman erscheint, ist Charlotte bereits 31 Jahre alt. Doch als Autorin übt sie sich seit ihrer Kindheit. Alles fängt mit einem Holzsoldaten an. Im Juni 1826 bringt Charlottes Vater die Figuren ihrem Bruder mit. Der neunjährige Branwell spielt zusammen mit seinen Schwestern, Charlotte, die ein Jahr älter ist, mit der siebenjährigen Emily und Anne mit sechs Jahren die Jüngste. Die Kinder geben den Soldaten Namen, eigene Persönlichkeiten und erfinden das Königreich Angria.

Ihr Alltag erscheint dagegen trist. Familie Brontė lebt isoliert in Haworth, einem Dorf in den Hochmooren der englischen Grafschaft Yorkshire. Sie gelten als wunderlich, wollen wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Der Vater, Patrick Brontė, ein Geistlicher irischer Abstammung übersiedelte 1820 mit seiner Familie nach Haworth, um das dortige Pfarramt zu übernehmen. Durch diese Stellung ist ihm und seiner Familie neben einem minimalen Einkommen das Wohnrecht im Pfarrhaus garantiert. Seit die Mutter, Maria Brontė, 1821 an Krebs gestorben ist und bald darauf die beiden älteren Schwestern Maria und Elizabeth an Tuberkulose, ist die Familie noch enger zusammengerückt. Die Kinder spinnen sich in die Welt von Angria ein. Charlotte und Branwell erstellen für das fiktive Reich sogar eine Zeitung, die immer umfangreicher wird. So schult Charlotte ihr Talent als Schriftstellerin - neun Jahre lang. Noch als 19jährige schreibt sie über Angria. Unterbrochen wird die Arbeit nur durch zwei mehrmonatige Besuche in Privatschulen. Für eine längere Ausbildung reicht das Geld nicht.

Mit 18 Jahren wird Charlotte Lehrerin an ihrer alten Schule in Roe Head in Huddersfield. Doch bald schon notiert sie genervt in ihr Tagebuch: "Soll ich wirklich den besten Teil meines Lebens in dieser erbärmlichen Knechtschaft verbringen, meine Wut über die eselhafte Dummheit dieser schwerfälligen Tölpel unterdrücken?" Auch bei ihrer nächsten Arbeitsstelle als Gouvernante in einer reichen Familie fühlt sie sich gelangweilt und unglücklich. Sie plant statt dessen, eine eigene Mädchenschule im Haus ihres Vaters zu eröffnen. Um sich das nötige Wissen anzueignen, geht sie mit 26 Jahren als Lehrerin in ein Pensionat in Brüssel. Dort verliebt sie sich in ihren Direktor. Doch die Liebe bleibt unerwidert. Untröstlich kehrt Charlotte nach Hause zurück.

Auch ihr eigenes Schulprojekt scheitert, weil keine Schülerin in die abgelegene Gegend kommen will. Charlotte wohnt von jetzt an im Pfarrhaus. Sie und ihre Geschwister leben von einer kleinen Erbschaft. Sie verfasst einen Roman und Gedichte, webt ihre Erlebnisse an Schulen und als Gouvernante in die Texte ein. Auch ihre Schwestern Anne und Emily schreiben Verse. Zu dritt veröffentlichen sie einen Band mit Gedichten unter den Pseudonymen Currer, Ellis und Aktion Bell. Die Resonanz im Erscheinungsjahr 1846 ist entmutigend; zwei Rezensionen und drei verkaufte Exemplare. Doch die Schwestern geben nicht auf.

Anne, Emily und Charlotte Brontė

1847 bringt jede der Schwestern einen Roman heraus - und "die Bells" sind mit einem mal bekannt. Während Kritik und Publikum Charlottes "Jane Eyre" feiern, reagiert man auf Emilys "Die Sturmhöhe" mit Unverständnis. Die Geschichte einer Liebesbeziehung, die in Hass umschlägt und ein mysteriöses Ende nimmt, ist den meisten Lesern zu dämonisch. Annes Roman "Agnes Grey" gilt nur als unterhaltsame Lektüre. Die interessierte Öffentlichkeit rätselt, wer sich hinter den drei Autorennamen verbirgt. Viele Leser nehmen an, dass es sich um einen Autor handelt. Der Verleger von Emilys und Annes Werken verspricht sich materielle Vorteile aus den Gerüchten und widerspricht ihnen nicht. Daraufhin sehen sich die Schwestern gezwungen der Fachwelt ihre wahren Namen preis zu geben. Doch ihre Bücher erscheinen weiter unter den Pseudonymen.

Der Sommer des Jahres 1848 ist die unbeschwerteste Zeit, die Charlotte, Emily und Anne seit langem erleben dürfen. Sie sind am Ziel ihrer Wünsche. Gemeinsam im Pfarrhaus in Haworth zu leben und zu arbeiten - dafür haben die Schwestern seit Jahren gekämpft. Sorgen macht der ganzen Familie der einzige Sohn. Branwell ist alkohol- und opiumabhängig. An die Aufnahme einer Arbeit ist schon lange nicht mehr zu denken. Im September 1848 ist sein körperlichen und seelischer Verfall nicht mehr aufzuhalten und er stirbt noch im selben Monat. Kurz darauf erkrankt auch Emily. Sie stirbt am 19.12.1848 an Tuberkulose. Nur wenige Tage später geht es auch mit Annes Gesundheit bergab. Der eilig herbeigerufene Arzt diagnostiziert auch bei der jüngsten Schwester das gefürchtete Lungenleiden. Anne stirbt am 28. Mai 1849.

Charlotte überlebt ihre jüngste Schwester um sechs Jahre. Ihr Ruhm macht auch ihre folgenden Romane "Shirley" (1849) und "Villette" (1853) zu Erfolgen. Als einzige der Schwestern heiratet sie mit 38 Jahren Arthur Bell Nicholls, einen Hilfsgeistlichen ihres Vaters. Doch schon ein Jahr später stirbt Charlotte nach einer schweren Erkältung am 31. März 1855 an Fieberkrämpfen.


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